Der Reisebericht: erster Hilfstransport im März 2022

Kathrin

Kommunikation
Der erste Hilfskonvoi von Menschenfreude e.V. startete am 8. März in Richtung Ukraine. Vorausgegangen war eine beispiellose Spendenaktion mit unzähligen Helfern. Am Ende machte sich ein Team von 24 Fahrerinnen und Fahrern mit zwölf Transportern auf die Reise, um die gesammelten Hilfsgüter in Flüchtlingslagern - meist eigens umfunktionierten Kirchen - zu verteilen. Es sind sehr bewegende und emotionale Erlebnisse, die wir hier gerne mit Euch teilen möchten.
Menschenfreude Hilfstransport Reisebericht

Als wir Swisttal und Nordrhein-Westfalen hinter uns ließen, war keinem von uns klar, welche intensiven Erfahrungen wir in den nächsten Stunden und Tagen machen würden. Wieviele Kilometer wir zurücklegen würden, wieviel menschliches Leid uns unter die Haut gehen würde. Und wie aus hilfsbereiten Einzelpersonen innerhalb kurzer Zeit ein Team mit einem Erfahrungsschatz geworden ist, der zusammenschweißt. Eines ist klar: Jeder von uns wird auch in Zukunft helfen. Nach dieser Reise vielleicht noch einmal mehr.

Erste Station: Warschau

Unser Weg führt uns am ersten Tag über Posen nach Warschau. Im Flüchtlingslager werden wir bereits erwartet. Es ist eine Kirche der christlich-baptistischen Gemeinde. Sie bietet den geflüchteten Familien – meist Frauen mit kleinen Kindern – Schutz und Zuflucht. “Pro Nacht kommen etwa 150 Personen zu uns.” Pastor Piotr nimmt uns herzlich in Empfang, lädt unsere Gruppe zu einer Suppe und Brot ein. Wir sitzen kurz zusammen. Wie können wir helfen?

Angekommen in Warschau. Kurze Kennenlernen-Runde. Im Anschluss werden die ersten Hilfsgüter ausgepackt und verteilt.

Ein Kirchenraum als Herberge 

Seine Mitarbeiter und er erzählen uns ein bisschen darüber, was hier seit rund zwei Wochen auf die Beine gestellt wird. Rund um die Uhr. Es ist ein Ort der Sicherheit, eine kurze Verschnaufpause, ein improvisierter Dreh- und Angelpunkt. Der Kirchenraum umfunktioniert als riesiges Bettenlager. Leere Büroräume als notdürftig eingerichtete Spielzimmer. Im Flur stehen Kisten mit Kleidung und Windeln, aus denen sich die Familien nehmen können, was sie brauchen.

“Manche bleiben ein paar Tage hier. Weil sie hoffen, dass sie bald wieder zurück nach Hause können. In die Ukraine, ihre Heimat. Aber das zeichnet sich nicht ab. Manchen helfen wir, ein Visum in die USA oder nach Kanada zu beantragen. Das kann dauern. Die sind dann natürlich etwas länger hier. Aber viele reisen auch direkt nach einer Nacht weiter. Da wissen wir nicht, wie es bei denen weitergeht.”

Jugendliche helfen ehrenamtlich

Unermüdlich räumen Helferinnen um uns herum schmutziges Geschirr, Kissen, Decken, Kinderspielzeug hin und her. Ordnen, machen sauber, beantworten Fragen. Helferin Ira führt eine Handy-Liste, welche Hilfsgüter vorhanden sind und welche noch beschafft werden müssen. “Die Frauen können uns sagen, was sie genau brauchen. Sie durften auf der Flucht ja nicht viel mitnehmen. Manche haben gar nichts dabei. Manche brauchen etwas Bestimmtes für das Baby oder sich selbst. Medikamente zum Beispiel. Das kommt dann auf die Liste und wir schauen, dass wir das entsprechend besorgen.”

Ira (18) führt eine Liste auf ihrem Handy, welche Hilfsgüter nötig sind. David (17) hilft beim Übersetzen und ist ein wichtiger Ansprechpartner. Die Jugendlichen machen das alles ehrenamtlich.

Verteilung unserer Spenden

Einige aus unserer Gruppe räumen die Anhänger aus und helfen Kindern beim Durchgucken, was es alles gibt. Die Jungs lieben die Fußballtrikots – Borussia Dortmund und 1. FC Köln – und die Sportklamotten. Die Mädchen freuen sich über Schals und Fleece-Jacken. Süßigkeiten und Sachen fürs Badezimmer nehmen alle. “Ist das für die Haare oder den Körper?” Ein Junge hält mir eine Flasche Superman-Duschgel hin. Er spricht sehr gut englisch und ist vielleicht zehn Jahre alt. “Ich glaube, das geht für beides.” Er ist ein richtig lieber Kerl und hat das alles nicht verdient. Wie keines von den Kindern um uns herum. Ich muss an meinen eigenen Sohn denken, den ich in diesem Moment gerne in den Arm nehmen würde.
 
Gemeinsam mit Helfer David tragen wir Decken und Schlafsäcke in den großen Flur und schauen dann auf Iras Liste. David übersetzt. Er macht das toll. Was für ein unermüdlicher Einsatz. Wir legen gemeinsam fest, was wir von unseren Spendengeldern noch heute einkaufen werden im Supermarkt. Am Ende füllen Sebastian und ich zwei Einkaufswagen mit Toilettenpapier, Brei und Babygläschen. Stefanie und Knuth helfen uns tragen.

Nächste Station: Lublin 

Am späten Abend kommen wir in Lublin an. Noch einmal zwei Stunden weiter in Richtung Osten. Es ist deutlich kälter als in Warschau und es liegt etwas Schnee. Eine Gruppe von uns schaut sich noch am Abend in der Stadt um. In Warschau hat man uns von Menschen erzählt, die den ganzen Tag in der Schlange zum Bahnsteig stehen und es am Ende nicht mehr in die Züge schaffen. Sie müssen dann am Bahnhof ausharren bis zum nächsten Morgen, wo das Warten von Neuem losgeht.

Menschen schlafen am Bahnhof

Und es ist tatsächlich so: “Das ist nur fünf Minuten zu Fuß von hier.” Stefan und Bernd haben ein paar Schlafsäcke aus unserem Fundus verteilt. “Da liegen Mütter mit ihren Kindern an der Hauswand und verbringen so die Nacht. Polnische Soldaten sind da und verteilen heiße Suppe und Decken. Die haben das sehr gut organisiert. Das muss man sagen. Aber es ist trotzdem alles schlimm.”

Es sind unglaublich große Ausmaße, die auch wir nur schwer begreifen können. Wir bemühen uns mit all unseren Kräften zu helfen. Und werden das auch morgen wieder tun. Im Moment ist es kalt. Und es wird spät. 

Abends kommen wir in Lublin an. Es liegt Schnee. Der Krieg fühlt sich näher an. Es gibt Hinweisschilder für geflüchtete Ukrainer und eine Website zeigt an, wo Hilfe nötig ist.

Videos einer zerstörten Heimat

Zwischendrin haben wir einen Marderbiss am Auto, den wir reparieren lassen müssen. Wir sitzen in der Werkstatt und warten. Ein alter Mann spricht uns an. Er hat uns als Deutsche erkannt und spricht ebenfalls ein bisschen deutsch. Er kommt gerade in diesem Moment aus der Ukraine. Er durfte ausreisen aufgrund seines Alters. “Ich zeig Euch mein Auto.” Wir gehen mit ihm raus auf den Parkplatz und sein Auto steht dort übersäht mit Kratzern und einer notdürftig abgedeckten zerbrochenen Seitenscheibe. “Das waren Trümmer. Die machen alles kaputt. Die machen unsere Heimat kaputt. Alles.” Er weint.
 
Wir gehen mit ihm rein und setzen uns an den Tisch. Er zeigt uns Handy-Videos von der Straße, in der er wohnt. Zu erkennen sind nur Staub und Dreck und Rettungsfahrzeuge. Heulende Sirenen. Wir sind fassungslos. Viel realer als das, was wir aus dem Fernsehen kennen. “Können wir dir irgendwie helfen?” Wir sind ratlos und schockiert. Plötzlich zeigt sich der Krieg in einer Alltagssituation – wie hier in diesem Autohaus in Lublin. Gegenüber befindet sich ein McDonald’s, ein Shopping-Center mit Glitzer-Fassade. Und neben uns sitzt dieser alte Mann, der sein zerstörtes Zuhause verlassen musste und stundenlang in seinem kaputten Auto gefahren ist. 
 
“Darf ich ein Foto von dir machen?” In diesem Moment bin ich mir sicher, dass ich diese Begegnung irgendwie festhalten muss. Er versteht, was ich meine. Mit rot geweinten Augen schaut er hoch. “Zeigt das allen! Ihr müsst das allen zeigen, was hier passiert!” Wir stehen auf und nehmen uns wortlos in den Arm. Er lehnt den Kopf kurz an meinen. Dann verabschieden wir uns. Das Foto stellen wir ins Internet. Wir zeigen es allen.
 
Viktor. Auf den Handy-Videos, die er selbst gefilmt hat, gibt es nur Schutt und Staub. Es ist sein Zuhause, das er vielleicht nicht mehr wiedersehen wird.

Nächste Station: Dorohusk

Am nächsten Tag führt uns unser Weg an die ukrainische Grenze. Eine laufend aktualisierte Website zeigt an, an welcher Stelle welche Art von Hilfe benötigt wird: Transport, Lebensmittel, medizinische Hilfe und so weiter. Und wie groß die Flüchtlingsströme von der anderen Seite an diesem Tag sind. Rot, Gelb und Weiß. Rot bedeutet große Not. Wir entscheiden uns für den Grenzübergang Dorohusk, der etwa eine Stunde von uns entfernt liegt.
 
Je näher unser Konvoi der Grenze kommt, desto mehr Kontrollstellen gibt es. Und mehr Polizei. Auch wir werden mehrfach kontrolliert. Immer mehr ukrainische Fahrzeuge kommen uns entgegen. Es sind die Menschen, die es raus geschafft haben. Autos mit Dachboxen, voll beladen mit Koffern und voll besetzt. Und auch einige dieser Fahrzeuge haben Kratzer und kaputte Scheiben, die notdürftig abgedeckt sind. Wie das Auto von Viktor in Lublin.

Helfer aus aller Welt im Einsatz

Vor Ort in Dorohusk, an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine, sind viele Hilfsorganisationen im Einsatz. Es ist eine unwirkliche, rastlose, fast trotzige Atmosphäre unter einem strahlend blauen Himmel; einer Sonne, die für uns alle scheint. Es ist ein improvisierter, unkonventioneller und ganz sicher sehr effektiver Schulterschluss zwischen engagierten Menschen aus aller Welt. Getragen von der Entschlossenheit, dieser humanitären Katastrophe etwas entgegenzusetzen. 
 
Es gibt Zelte mit Lebensmitteln, Suppenküchen, Bänke zum Ausruhen. “Where are you from?” Eine Frau spricht uns an. “Germany.” Wir können deutsch sprechen. Tanja kommt mit ihrer Kollegin aus der Gegend von Flensburg. Die beiden sind Hebammen und haben festgestellt, dass viele kleine Kinder, die über die Grenze kommen, seit Tagen nicht gewickelt wurden. In einem Wärme-Container bieten sie Müttern die Möglichkeit, ihre Kinder zu säubern, zu versorgen und etwas aufzuwärmen. Was für eine großartige Idee von den beiden Frauen.

Unwirkliche Momente an der Grenze

Viele Eindrücke, die uns berühren: In einem Zelt sitzt eine alte Frau zusammengesunken auf ihrem Rollator und weint bitterlich. Ein kleiner Junge stolpert im Schneeanzug hinter seiner Mama her. Er ist zu müde zum Laufen. Eine Frau kommt mit einem Rollkoffer über die Grenze. “Guck mal Kathrin, die Frau da. Siehst du die? Das könnte ich sein.” Stefanie und ich schauen uns die Szene an. Die Frau ist ganz allein. Sie passiert den Grenzübergang. Bleibt stehen. Rückt ihrem Koffer an die Seite. Steht und schaut. Was sie wohl denkt? 

 
LKWs mit Hilfsgütern fahren in das Kriegsland. Auf der anderen Seite wärmen sich Menschen an einer improvisierten Feuerstelle. Fernseh-Teams aus der ganzen Welt sind vor Ort.

Wärme und Orientierung für die Weiterreise

Bernd und Knuth verteilen ein paar Lebensmittel, Süßigkeiten, warme Decken und Schlafsäcke an Frauen und Kinder. Möchten irgendetwas tun. Aber in der Hauptsache bleibt uns allen nichts anderes als Zuschauer zu sein. Zuschauer einer menschlichen Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt.

Eindrücke aus Dorohusk: Einige Familien haben ihre geliebten Vierbeiner dabei. Es gibt Suppe und etwas Hilfe bei der Organisation der Weiterreise. Polnische Soldaten vermitteln, wo sie können…
Dorohusk Paar mit Decke
… Helfer verteilen Tüten mit Brot und Babynahrung. Ein Paar hat es über die Grenze geschafft und schaut – eingehüllt in eine Decke – noch einmal zurück in die Heimat. 

Nächste Station: Chelm

Auf dem Weg zurück fahren wir über die ostpolnische Stadt Chelm. Auch hier ist es eine umfunktionierte Kirchengemeinde, die Frauen und Kindern Nacht für Nacht eine Zuflucht bietet. Wir haben Kontakt aufgenommen zum Team vor Ort und erfahren, dass an diesem Tag wieder einige Familien angekommen sind, die gern nach Deutschland oder in die Nachbarländer weiterreisen würden. 
 
Das Flüchtlingslager in Chelm. Wartende Frauen in großen Bettenlagern. Kinderzeichnungen: ein Herz zwischen der polnischen und ukrainischen Flagge. Ein Mädchen spielt Klavier, rührt alle zu Tränen.

Nachdenken über Verantwortung 

Am Abend zuvor hatten wir im Hotel zusammen gesessen und gesprochen. Über Verantwortung. Aber auch über die Grenzen der Möglichkeiten zu helfen. Als Team. Und über unsere ganz persönlichen Grenzen. Es war in den letzten Tagen nicht einfach, sich diesem Leid auszusetzen. Und es wird uns lange begleiten. Wie weit würden unsere eigenen Ressourcen reichen? Können wir zuhause auf ein Netzwerk hoffen, das uns auffängt? Und wie würde unser weiteres Engagement aussehen, wenn wir wieder in unserem normalen Alltag sein würden? Wir haben alle Familien, Arbeit, ein ganz normales Leben. Niemand von uns weiß, wie es weitergeht. Wie lange es dauert. Was noch auf uns zukommen kann.
 
Dennoch reift bei uns allen der Entschluss, noch einen Schritt weiterzugehen und die Familien im Flüchtlingslager nicht allein zu lassen.
 
Und so fahren wir am nächsten Morgen wieder nach Chelm, um die wartenden Familien abzuholen. Einige, so teilt man uns mit, möchten nur bis Berlin. Einige werden wir nach Nordrhein-Westfalen mitnehmen, wo sie bei uns zuhause, Nachbarn und Freunden unterkommen werden. Das alles haben wir kurzfristig organisiert. Innerhalb von 24 Stunden. 37 Menschen. 

Mit den Familien nach Deutschland

Zurück in Chelm: Im Regal an der Wand liegen Papiere in Klarsichthüllen. Das sind die Fälle, die heute vermittelt werden sollen. Auf den Bänken sitzen Familien, Frauen mit kleinen Kindern zwischen Taschen und Koffern. “5 Minuten, ok?” Die Frau zeigt auf eine freie Bank. Sebastian und ich setzen uns und warten. Zwischen den Wartenden läuft ein Nachrichten-Reporter aus Texas hin und her und interviewt die Helfer. Auch mich spricht er an, ob ich ihm erzähle, was wir hier tun. 
 
Natürlich gern. In meinem besten Schul-Englisch erzähle ich über Menschenfreude e.V., mich, Kathrin from Germany, und was wir in den letzten Tagen erreicht und erlebt haben. Reporter Gary ist angetan von unserem Engagement. “Zwölf Stunden seid ihr durch Europa gefahren, um zu helfen? Oh hey wow!” Wir machen noch ein paar Fotos.
 
Das Flüchtlingslager in der Kirchengemeinde in Chelm. Reporter sind vor Ort und berichten. Bis zu 120 Flüchtlinge kommen am Tag. Sie warten und hoffen auf eine sichere Weiterreise. 

Gottes Segen für alles, was kommt

Dann wird es ernst. Die Frau vom Empfang kommt auf uns zu uns sagt, alles sei ok, wir können gehen. Gehen? Wir stehen auf und schauen uns an. “Einfach so? Jetzt?” Ja, wir können. Uns aufmachen in die Sicherheit, aber auch in eine völlig ungewisse Zukunft. Auf unbekannte Dauer.
 
“This is your family.” Die Frau macht eine Handbewegung in Richtung der Wartenden. Wir sollen den Platz frei machen für die nächste Familien-Übergabe. “Thank you. God bless you.” “God bless you”, wiederholt sie. Sie merkt, dass wir uns nicht einfach so loslassen können. Es ist unbegreiflich. Wir schauen uns an und uns beiden steigen Tränen in die Augen. “Thank you, ok? Thank you.” Wir nehmen uns in den Arm und halten uns sehr lange fest. “God bless you, ok?” “God bless you, too.” Wir wissen, dass es eine unwirkliche, unmenschliche Situation ist. Lebenswege kreuzen sich für einen Moment, vielleicht einen der wichtigsten im Leben. Und dann ist dieser Moment vorbei, wir lassen uns los und es gilt weiterzugehen in dieser seltsamen Lotterie der Biografien. Es gilt, einfach zu vertrauen, dass alles irgendwie gut wird. 
 
“Überleg dir das mal”, wird Sebastian später im Auto sagen. “Die fahren einfach so mit uns mit. Wir könnten ja auch irgendwie schlechte Menschen sein. Wie verzweifelt muss man sein, dass man einfach zu fremden Menschen ins Auto steigt und zwei Tage quer durch Europa fährt?” Er hat recht. Es ist ein Wahnsinn. 

Letzte Station: Sublice

Am Abend kommen unsere Fahrer im Hotel an. Nach und nach. Stefanie und Knuth haben sich um die Buchung für uns alle gekümmert und nehmen uns so unglaublich herzlich in Empfang. Nach mehr als sieben Stunden Fahrt quer durch Polen. Einige ukrainische Familien begrüßen sich. Sie sind froh, ein paar vertraute Worte wechseln zu können. Erschöpfte Kinder werden ins Bett gebracht. In ein warmes, sauberes Hotelbett nach vielen Tagen auf der Flucht. 
 
Abends sitzt unser Menschenfreude-Team noch zusammen. Knuth versorgt uns mit Broten und Getränken. Das tut gut. “Die haben mir erzählt, dass sie stundenlang in einer Auto-Kolonne in Richtung Grenze gefahren sind. Und hinter ihnen wurde geschossen.” Ken erzählt die Geschichte der vierköpfigen Familie, die er heute aus Chelm abgeholt hat. “Wer rausfährt, um zu pinkeln, kommt nicht mehr rein. Stellt Euch das mal vor. Die sagen, wenn du anhältst, stehst du ein, zwei Stunden, um wieder in die Kolonne zu kommen. Also musst du ins Auto machen. Da musste sich jemand von denen übergeben. Ins fahrende Auto. Es gab keine andere Möglichkeit. Der hat einfach ins Auto gekotzt.”

Familientreffen und -abschied

Am nächsten Morgen kommen wir alle wieder im Frühstücksraum zusammen. Manfred, Stefanie und Knuth, die beiden Sebastians, Ken und ich. Jürgen sitzt mit seiner Familie am Tisch. Mit der Familie, die er an diesem Tag mit nach Deutschland nehmen wird. Es sind die Eltern und vier Kinder. Während er spricht, rückt er der kleinsten Tochter ihre Brotstückchen auf dem Teller zurecht und sie stochert mit ihren kleinen Fingern darin herum. Sie greift nach seiner Hand und die beiden schauen sich an. Es sieht alles so unbeschwert und vertraut aus. Doch wenn man die Hintergründe dieser völlig willkürlichen Zusammenkunft kennt, ist gar nichts normal. Es ist bedrückend.
 
“Eines Tages”, wird Jürgen später in seiner Abschiedsrede sagen. “Und dafür bete ich zu Gott, werden wir uns alle wiedersehen in einem wunderbaren, wiederaufgebauten Land.” Eine gute Reise wünscht er allen. Wo auch immer sie hingehen möge.
 
Nach einem Zwischenstopp im Hotel nehmen wir Abschied. Wir werden weiter helfen und bleiben in Kontakt. Das verspricht Menschenfreude-Chef Jürgen in seiner Rede und seine Stimme klingt rau.

Nachtrag: Zurück zuhause in einem neuen Alltag

Am Samstag sind wir mit unserer Gast-Familie aus Kiew im Garten. Am Sonntag besuchen wir zusammen einen Markt und essen Eis. Es ist der hilflose Versuch unsererseits, etwas Geborgenheit und Normalität zu schaffen. Verwandte und Freunde in der Heimat bangen derweil um ihr Leben. 
 
Während der Woche sitzt Yana vormittags am Laptop in unserem münsterländischen Dorf und macht Distanz-Lernen. Mit ihrer Schule in Kiew. Das elfjährige Mädchen, das an einem Dienstag im März 2022 völlig unvermittelt aus ihrer eingekesselten Stadt fliehen musste. Mit ihrem Bruder, der Oma und zwei notdürftig gepackten Rucksäcken. Sie lernt online, zusammen mit ihren Klassenkameraden, die – ebenso wie sie – herausgerissen sind aus ihrem Leben, verstreut sind quer durch Europa. “Wenn ich gefragt werde, was ich mal werden möchte, sage ich immer: Journalistin.” Zu erzählen hat Yana ganz sicher genug. Und das auch schon mit elf Jahren.
 
Es ist berührend und bewundernswert. Es stimmt leise hoffnungsvoll. Und es ist gleichzeitig so makaber und unendlich traurig. Es wird so lange gehen, bis die Schule auch von einer Bombe getroffen wird. Was dann ist, weiß niemand.
 
 

Jeder Euro ist hier genau richtig

Am Ende ist für uns eines klar: Jeder einzelne Euro ist richtig. Jeder Euro, der in dieses Projekt, in die Hilfe zur Linderung dieser entsetzlichen humanitären Tragödie, gespendet wird, so klein diese Hilfe auch aussehen möge! Dafür und für weitere Spenden können wir nicht genug Danke sagen !
 

Mehr Eindrücke der Reise im Video:

Weitere Informationen über die Hilfstransporte von Menschenfreude e.V.

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